ΨEmpiralis
← Zurück zu Wissen

Was „über dem Durchschnitt“ bei uns heißt – und was noch fehlt

Ein Normwert ist immer relativ zu einer Bezugsgruppe. Wir legen offen, mit welcher Stichprobe dein Ergebnis verglichen wird, wo wir eigene Orientierungsbereiche verwenden – und warum wir (noch) keine eigene Validierungsforschung betreiben.

„Über dem Durchschnitt“ – welcher Durchschnitt?

„Du liegst über dem Durchschnitt“ klingt nach einer objektiven Aussage. Der entscheidende Zusatz fehlt dabei oft: über dem Durchschnitt welcher Gruppe? Ein Mittelwert aus einer US-amerikanischen Studierendenstichprobe ist etwas anderes als eine repräsentative deutsche Bevölkerungsnorm. Dieselben Rohpunkte können in der einen Bezugsgruppe „unauffällig“ und in der anderen „erhöht“ bedeuten.

Für den deutschsprachigen Raum gibt es dafür sogar eine eigene Fachdatenbank – PSYNDEX – mit mehreren tausend Verfahren und ihren Adaptionen. Wer die Bezugsgruppe verschweigt, lässt ein Ergebnis wissenschaftlicher wirken, als es ist. Genau das wollen wir nicht.

Was wir deshalb bei jedem Ergebnis offenlegen

Auf jeder Ergebnisseite steht eine Zeile „Vergleichsbasis“. Sie nennt, womit dein Ergebnis verglichen wird: eine repräsentative deutsche Stichprobe, eine deutsche Gelegenheitsstichprobe, eine US-Stichprobe, eine Studierenden- oder klinische Stichprobe – oder ob es gar keine Normdaten gibt.

Zusätzlich machen wir kenntlich, woher die Einteilung in „niedrig / durchschnittlich / hoch“ stammt: Ist es ein in der Validierungsforschung definierter Schwellenwert (zum Beispiel die PHQ-9-Grenzen 5 / 10 / 15 / 20), oder ist es ein Empiralis-Orientierungsbereich – eine sinnvolle, aber nicht selbst validierte Einteilung, etwa „eine Standardabweichung über dem Mittelwert“. Wo eine deutschsprachige Normierung existiert, nutzen wir sie: beim ECR-RD8, beim WHO-5, beim SOMEDIS-A oder bei den KiGGS-Werten des KINDL.

Was wir (noch) nicht tun: eigene Validierungsforschung

Wir wählen etablierte Instrumente aus, legen zu jedem Test die Originalstudie und den Lizenzstatus offen und bereiten die Ergebnisse verständlich auf. Was wir nicht vorweisen können, ist eine eigene psychometrische Untersuchung der Art: „Die Empiralis-Fassung von Test X wurde an N deutschen Personen geprüft und zeigt gegenüber dem Originalinstrument Reliabilität Y und Validität Z.“

Das ist der Unterschied zwischen wissenschaftlich fundiert – auf belegter Forschung aufgebaut – und wissenschaftlich evaluiert – die konkrete eigene Umsetzung empirisch überprüft. Empiralis ist derzeit überwiegend Ersteres. Wir sagen das lieber deutlich, als es zu verwischen.

Warum nicht: der Zielkonflikt mit der Anonymität

Eine eigene Normstichprobe oder Validierungsstudie bräuchte eine Sache: systematisch erhobene Daten von vielen Personen. Genau das tun wir bewusst nicht. Empiralis speichert keine Ergebnisse auf einem Server, es gibt keine Nutzerkonten, deine Antworten bleiben in deinem Browser, nichts wird an uns übertragen und nichts verkauft.

Zwischen eigener Forschung und kompromissloser Anonymität besteht ein echter Zielkonflikt. Vorerst entscheiden wir ihn zugunsten der Anonymität.

Wie wir uns das später vorstellen – ohne die Anonymität aufzugeben

Denkbar sind mehrere Wege, alle strikt freiwillig und ohne Konto. Erstens eine klar abgetrennte, vollständig anonyme Datenspende: nur nicht rückführbare Kennwerte, kein verstecktes Wiedererkennen, deutlich getrennt vom normalen Testablauf und jederzeit ohne Angabe von Gründen abwählbar. Daraus ließen sich eigene deutsche Vergleichswerte gewinnen.

Zweitens eine Normierungs- oder Validierungsstudie gemeinsam mit einer universitären Arbeitsgruppe – als eigene, ethikgeprüfte Erhebung. Die Ergebnisse fließen in die Auswertung zurück, die Rohdaten liegen nicht bei uns.

Bis dahin gilt: Lies „über dem Durchschnitt“ immer zusammen mit der Vergleichsbasis darunter. Ein Screening ist ein Anstoß zum Nachdenken, keine Diagnose. Wenn dich ein Ergebnis beschäftigt, ist der nächste Schritt ein Gespräch mit einer Fachperson – nicht ein zweiter Online-Test.

Anzeige